Taubenvergrämer aus aus aus

Ach, nee, doch nicht

Der Fremde im Zug

Nach 10 Minuten hielt ich es nicht länger aus.
“Es tut mir so leid”, wimmerte ich, “aber ich denke unheimlich schlecht über Sie.”
Als hätte er mich nicht gehört, blätterte der Fremde auf dem Platz neben mir weiter ungerührt im DB-Magazin.
“Na, und?” erwiderte er, ohne mich eines Blickes zu würdigen. “Glauben Sie, ich bin der einzige Mensch, den Sie unsympathisch finden?”
Seine tröstenden Worte perlten wirkungslos an mir herab.
“Aber ich kenne Sie doch gar nicht!” rief ich verzweifelt. “Das ist so unfair von mir!”
“Na, und?” entgegnete der Mann erneut, nach wie vor unbeeindruckt. “Glauben Sie, Sie würden anders von mir denken, wenn Sie mich kennen?”
“Nein”, sah ich ein und pulte gedankenverloren an der Kopflehne des Vordersitzes. “Ich kann über andere Menschen ausschließlich schlecht denken. Egal, wie gut ich jemanden kenne. Es ist wie ein Fluch.”
“Sehen Sie”, sagte der Fremde zufrieden, legte die Zeitung beiseite und sah mich unverwandt an. “Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: In meinem Fall liegen Sie damit völlig richtig. Ich bin und bleibe nämlich verabscheuungswürdig. Egal, wie lange wir uns kennen.”
“Aber ist es nicht möglich, dass ich Sie dann in einem anderen Licht sehe? Sie mögen so beschissen bleiben wie eh und je, aber ich könnte doch theoretisch etwas in Ihnen erkennen, was gar nicht da ist. Mir etwas vormachen. Mir etwas einbilden.
“Glauben Sie mir. In meinem Fall: Nein!”
Er blätterte wieder im DB-Magazin und ergänzte:
“Ich verfüge nämlich über die Superkraft ‘Dauerhaft unsympathisch sein’”
“Und ich über die Superkraft ‘Das Gute im Menschen sehen’”, hielt ich dagegen. “Das wird eine interessante Zugfahrt.”
“Ist das nicht eher eine Schwäche?”
“Kann sein. Ich unterscheide schon längst nicht mehr zwischen Stärke und Schwäche.”
“Und zwischen Lüge und Wahrheit?”
“Auch nicht.”
“Zwischen Dick und Doof?”
“Nein.”
“Gute Reise noch.”
“Wohl kaum.”

Written by januwefitz

Mai 6th, 2012 at 9:13 am

Posted in Allgemein

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