Taubenvergrämer aus aus aus

Ach, nee, doch nicht

Evolutionäre Avantgarde

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Zwischentöne sind heute nicht mehr gefragt. Das wirkt sich auch auf meine Gestik und Mimik aus. Ich bin körperlich unglaublich anfällig für gesellschaftliche Veränderungen. Andere Menschen stecken sich mit Grippe an, ich mit unschönen Entwicklungen. Wenn sich irgendwo eine unschöne Entwicklung auftut, vollzieht mein Körper eine Parallelentwicklung, interpretiert sie aber individuell. So gehen mir seit geraumer Zeit immer mehr körperliche Nuancen verloren und ich kann mich nicht dagegen wehren, sondern mich selbst nur interessiert beobachten. Und natürlich leiden.

Es begann vor acht Wochen. Plötzlich konnte ich nur noch stehen oder rennen, aber nicht mehr gehen. Ich hatte diesen Zwischenton der Fortbewegung schlicht verlernt. Unwiderbringlich. Mitten im Staubsaugen. Selten war meine Wohnung schneller geputzt.

Seit vier Wochen trifft es mich noch härter: Ich kann nicht mehr lächeln, sondern nur noch lauthals lachen oder ausdruckslos gucken. Dazwischen gibt es nichts. Mit der Nuance Lächeln ist es aus und vorbei. Ich war natürlich beim Arzt, er erklärte mir, ich solle mir keine Sorgen machen, ich sei nur der erste Betroffene einer evolutionären Entwicklung: Der Mensch verlernt nach den sprachlichen nun auch die körperlichen Zwischentöne. Und ich eben als Erster.

Man kann sagen, ich bin meiner Zeit voraus. Avantgarde. Aber was für ein schwacher Trost, wenn ich durch meine neuen Verhaltensweisen ständig auf die Ablehnung meiner Mitmenschen stoßen. Ablehung mag das Schicksal vieler Avantgardisten gewesen sein, aber die genossen meines Wissens nach wenigstens ein paar Vorteile. Groupies und solche Dinge. Damit ließe ich mich ja auch trösten. Stattdessen habe ich nur Nachteile. Mein hemmungsloses Lachen wirkt in vielen Situationen völlig überzogen oder fehl am Platze. Nur: Ich bin dagegen machtlos. Der Impuls, lächeln zu wollen, ist noch da. Doch stattdessen wälze ich mich gröhlend am Boden. Und weiß doch, dass das gerade ziemlich unpassend ist. Zum Beispiel wenn ich eine Bäckerei betrete und mich schlapp lachend “Guten Morgen” sage.

Nicht einmal aus Höflichkeit kann ich noch lächeln. Macht jemand einen miesen Witz, lache ich, als gäbe es kein Morgen. Was meinen Gegenüber ermutigt, noch mehr müde Witze zu machen. Schaue ich ihn nach seinem Gurkenscherz hingegen völlig leer an, meine einzige Alternative, verschwindet er peinlich berührt einfach nach einem kurzen Moment des Schweigens.

Und bei der Damenwelt kriege ich erst recht keinen Stich mehr. Wenn ich früher in einem Lokal saß und einer schönen, aber einsamen Frau einen Drink auf meine Rechnung an den Tisch bringen ließ, prostete ich ihr anschließend mit einem charmanten, männlich-herben, aber vor allem verführerischen Lächeln durch den Raum zu. Heute endet dieses Balzritual in einem hysterischer Lachkrampf. Auch hier hilft mir die Alternative, leer und ausdruckslos zu schauen, nicht weiter. Mein Blick hat, wenn ich leer gucke, nämlich etwas Debiles. Ich sehe dann so aus wie auf meinem Passfoto. Wenn die Dame meiner Wahl im Lokal zu mir herüber schaut, um zu sehen, von wem der Drinks denn kommt, und ich ihr mit einem Passfotogesicht zuproste, kann ich den Geschlechtsakt natürlich auch vergessen.

Wie oft ich im Alltag lächelte, merke ich erst, seit mir dieses zwischenmenschliche Signal evolutionär vorenthalten wird. Nun habe ich die Wahl zwischen Pest und Cholera. Die Gesellschaft ist für körperliche Schwarz-Weiß Malerei einfach noch nicht offen.

“Wieso lachen Sie mich aus?”
“Ich lächle Sie an.”
“Das ist kein Lächeln. Das ist ein Lachen. Sie blöken ja sogar dabei.”
“Tut mir leid. Ich kann nicht lächeln. Nur Lachen. Ich bin evolutionäre Avantgarde. Ist es Ihnen lieber, ich schaue Sie neutral an?
“Ja, bitte.”
“Na, gut.”
“Warum stieren Sie mich so dümmlich an?”
“Ich stiere Sie nicht dümmlich an, ich schaue Sie neutral an.”
“Wissen Sie was? Schauen Sie einfach woanders hin.”

In ein paar Generationen gelte ich vielleicht als der erste Nichtlächler in der Geschichte der Menschheit. Dann erinnert man sich an mich und erzählt sich Geschichten über mein trauriges Lebens zwischen Lachkrampf und Ausdruckslosigkeit. Heute kann ich mir davon aber nichts kaufen. Es sei denn, Sie ignorieren den Spendebutton rechts nicht.

Lesen Sie morgen: Wie ich traurig bin.

Written by januwefitz

November 9th, 2009 at 8:39 pm

Posted in Allgemein

7 Responses to 'Evolutionäre Avantgarde'

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  1. wissen sie, ihr neues layout macht mich ganz durcheinander. das war sicher absicht oder?
    sie wollen keine kommentare mehr. monetare sind gefragt, richtig? ich weiß ja, warum ich ihnen die idee geklaut habe.

    aber wissen sie auch noch was anderes?
    ich warf mich weg an der stelle mit dem drink für die dame. so.

    und überhaupt. sie wissen das ja.

    stricktier

    9 Nov 09 at 21:08

  2. also ihren spendenbutton finde ich super! der bringt farbe in spiel.

    draufklicken möchte ich aber trotzdem nicht, da ich die vermutung habe man kann nur geld spenden – und genau das ist es ja, was ich nicht habe.

    vielleicht sollten sie noch einen button einrichten mit dem man ihnen altkleider spenden kann. da hätte ich nämlich die ein oder andere löchrige unterhose für sie übrig!

    Maak

    10 Nov 09 at 08:32

  3. Kenne das nur zu gut, Herr Fitz.

    Bei mir diagnostizierte man die ‘anthropologische Avantguarde’. Wie Sie wissen bin ich 3m groß und glaube an eine noch höhere Macht: an Sie!

    MC Winkel

    10 Nov 09 at 12:04

  4. Also als erste möchte ich Ihnen sagen, daß mir vor einigen Tagen aufgefallen ist, daß Sie Ihre Blogrolle um ein weiteres, nämlich MEINS, erweitert haben. Ich finde das wirklich, aber so ganz WIRKLICH unverschämt, auch wenn ich lange darauf gewartet haben. Denn ich weiß, daß sie nur die Blogs bei sich aufnehmen, die widerlich, doof und unter aller Sau sind. Nichts desto trotz kann ich sagen: Es wurde auch langsam Zeit!

    Evolutionäre Avantgarde, liebster Hr. Juf, kann man auch ohne Speed ausleben, wollte ich Ihnen noch gesagt haben. Und lachen Sie dabei nicht so blöd!

    Pssst!

    12 Nov 09 at 18:20

  5. bin ich froh, das ich retro bin.
    Ich seh kein Fern, ich lese kleine Blogs,
    halte Twitter fuer ein Geraeusch, das Voegel machen
    und
    Ich schenke ihnen ein Laecheln! :-)

    Tatzenstachel

    13 Nov 09 at 19:10

  6. Zu dem Layout, werter Herr Fitz, wollte ich auch noch etwas sagen.

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

    Erdge Schoss

    13 Nov 09 at 22:35

  7. Naja, wenigstens sieht Ihr Blog jetzt wieder aus.

    Frau Elise

    18 Nov 09 at 19:01

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