Meine Abrechnung mit dem amerikanischen Traum
Es gibt keine Ponyhöfe und keine Wunschkonzerte mehr. Seit Stichtag 1.1.09 ist alles Schicksal und steht nicht in unserer Macht. Anstrengungen sind für die Katz und bewirken in der Regel das Gegenteil. Sie können Ihre Wohnung noch so gründlich putzen, am Ende ist sie doch wieder dreckig. Sie können sich noch so bemühen, mit Metaphern die Welt zu erklären, Ihre Leser werden immer fragen “Hä?”
Die Erkenntnis, dass wir Menschen machtlos sind, habe ich gestern empirisch nachgewiesen. Im Rahmen einer Langzeitstudie mit dem vielleicht etwas theoretischen Titel “Mach ma’” hatte ich versucht, mein Schicksal positiv zu gestalten und am Ende zu überprüfen, ob das klappt oder nicht. Hat nicht geklappt.
Ich wählte mir zu diesem Zweck willkürlich einen Bereich meines Daseins aus: meinen Spitznamen. Bisher hatte ich mich damit abgefunden, dass mich alle Welt “Furzqualle”, “Kackmolch” und “Stinkeachsel” nannte, oft auch in einem Atemzug. Doch letzte Woche traf ich die unumstößliche Entscheidung: Ein neuer Spitzname muss her. Irgendetwas Cooles. Wenn man sein Schicksal wirklich beeinflussen kann, dann sollte das auch mit dem Spitznamen funktionieren. Schließlich war Furzqualle genannt zu werden bisher mein Schicksal. Ich wählte einen Spitznamen, der mir zusagt: der Leopard. Um den zu erwerben startete ich die PR-Offensive Wildkatze. Mein ganzes Verhalten würde dem eines Leoparden gleichen. Leopard – das klang nach einem Namen, auf den ich stolz sein konnte, mit dem ich erhobenen Hauptes durch die Straßen der Stadt ziehen konnte. Untertitel meiner Studie: Von der Furzqualle zum Leoparden.
Doch Leopard wird man nicht genannt, weil man sich im Gespräch einfach entsprechend vorstellt: “Guten Tag, mein Name ist Uwe-Maria Fitz, aber nennen Sie mich ‘der Leopard’.” Oh, nein, liebe Leser! Sondern weil der Charakter und das eigene Verhalten einer Wildkatze gleichen. Wenn ich mich benehme wie ein Leopard – dann wird man mich auch so nennen. So die Hauptthese meiner Studie.
Doch wie benimmt sich ein Leopard? Welche Charakterzüge musste ich an den Tag legen, um mir diesen Spitznamen zu erwerben? Das hervorstechendste Merkmal von Leoparden: Sie bewohnen ein großes Revier, das in der Regel mehrere Quadratkilometer umfasst. Sie dulden darin keine Artgenossen, schlagen Rivalen sofort in die Flucht, oft in einem Kampf auf Leben und Tod.
Das klang ganz nach mir, nach einem Verhalten, das ich locker an den Tag legen konnte. Ich vermag hervorragend allein sein, je weiter der nächste Artgenosse von mir entfernt ist, desto wohler fühle ich mich. Wenn natürlich auch “ein paar Quadratkilometer” ohne Menschen um mich herum einige Mühen mit sich brachten. Besonders im Herzen einer Großstadt wie Berlin. Da haben es meine Namenspaten schon leichter, sie bewohnen ihr Revier in Afrika, wo man genug Platz hat, um ganz Leopard zu sein. In Afrika kann jeder Leopard genannt werden, das ist kein Kunststück.
Und so hieß die erste Etappe meiner PR-Offensive: Platz um mich schaffen. Rivalen in die Flucht schlagen. Ein Revier von mehreren Quadratkilometern schaffen, in dem ich einsam umherstreifen kann. Am besten klingelte ich gleich bei meinen Nachbarn und schlug sie in die Flucht. Mit einem Knurren. Ach, ne, Katzen fauchen ja. Puh, das war knapp. Hätte ich geknurrt statt gefaucht, ich hätte mir meinen Spitznamen in die Haare schmieren können. Bzw. ins Fell.
Meine Nachbarn sind ein ruhiges Ehepaar, er arbeitet nachts als Türsteher, sie ist Polizistin. Er arbeitet nachts als Türsteher, sie ist Polizistin? Statt eines Kampfs auf Leben und Tod, sollte ich die beiden vielleicht erst einmal freundlich bitten umzuziehen. Nach dem Motto “Dieses Mietshaus ist zu klein für uns beide. Also für uns drei, um genau zu sein. Habe gerade noch mal nachgezählt.” Würden mir meine Nachbarn wortlos die Tür vor der Nase zuschlagen, was sie schon öfters getan haben, konnte ich ja immer noch auf Leben und Tod mit ihnen kämpfen. Ich entwickelte einen teuflischen Plan: Ich vertreibe lieber erst einmal die beiden freundlichen alten Damen in der Wohnung unter mir aus meinem Revier. Das sind zwar die einzigen Menschen, die je nett zu mir waren. Aber hey: Es geht um meinen Ruf.

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Demnächst in diesem Theater
“Sie können Ihre Wohnung noch so gründlich putzen, am Ende ist sie doch wieder dreckig.” – Sie haben ja sowas von Recht!
Benedict
28 Jun 09 at 09:36
Ich will mal was zu den im ersten Abschnitt angesprochenen Metaphern sagen. Dass Metaphern nicht perse zutreffen, nur weil es Metaphern sind, wird der Verfasser sicher selbst wissen. Dann ist es beileibe nicht so, dass Metaphern generell nicht verstanden werden. Manche Metaphern werden durchaus verstanden. Jedenfalls das, was mit ihrem Vortrag gemeint sein könnte. Metaphern werden also nicht unbedingt immer nur nicht verstanden, sondern mitunter zwar verstanden, aber in ihrer Aussage für nicht hinreichend zutreffend gehalten. Ein Sonderfall davon ist, wenn eine Metapher im Kern zwar für durchaus berechtigt gehalten wird oder zumindest für soviel, dass was dran sein könnte – die Mittel, mit denen eine solche Metapher vorgetragen werden oder einhergehen aber für völlig unakzeptabel, weil z.B. für völlig unverhältnismäßig gehalten werden. Das kann leider soweit gehen, dass die womöglich berechtigten Anliegen einer solchen Metapher mit den ungeheuerlichen Mitteln und Begleitumständen ihres Vortrags erschlagen und ad absurdum geführt werden und ihr Adressat möglicherweise gleich mit. Da tendiert der Lern- und Überzeugungseffekt dann leider gegen Null.
Ulli
28 Jun 09 at 14:01
Ich verweise zum Thema mal auf den genialen Medienphilosophen Mike Sandbothe:
“In Zeiten des Übergangs haben Metaphern Konjunktur. Und das ist keineswegs verwunderlich. Denn die Metapher, d.h. die Übertragung von einem semantischen Bereich in einen anderen, ist dasjenige sprachliche Instrument, das es uns erlaubt, einen Übergang als Übergang in Worte zu fassen. Die Metapher ist ein Ausdruck, der in sich selbst changiert, d.h. den historischen Übergang als semantischen Übertragungsprozeß zur Darstellung bringt. In Zeiten des Übergangs, in denen mit den Phänomenen auch die Begriffe in Bewegung geraten, gibt es kaum exaktere und angemessenere sprachliche Instrumentarien als Metaphern. [...]”
Quelle: Theatrale Aspekte des Internet
http://www.sandbothe.net/40.html
Benedict
28 Jun 09 at 23:53
Seitdem es zum amerikanischen Traum geworden ist, sich ein Haus auf Pump zu kaufen, sich hoffnungslos zu verschulden und dann in einem Zelt wohnen zu müssen, stehe ich der Sache sehr skeptisch gegenüber.
(Ich merke gerade, dass hat nichts mit ihrem Text zu tun. Ich gehe aber davon aus, dass es ihnen eh egal ist, was wir hier schreiben Herr Fitz)
Mit ungemütlichen Grüßen
Hugo
Hugo der einarmige Karussellbremser
29 Jun 09 at 18:35
[...] Meine Abrechnung mit dem amerikanischen Traum (benefitz.de – Taubenvergrämer) "Sie können sich noch so bemühen, mit Metaphern die Welt zu erklären, Ihre Leser werden immer fragen “Hä?”" (Am Ende doch nur der Beweis von der Machtlosigkeit der Sprache gegenüber der Unendlichkeit des Wahnsinns) (tags: Schreiben Text Satire) [...]
links for 2009-06-30 – Hartmut Ulrich - Randbetrachtungen
30 Jun 09 at 16:09