Taubenvergrämer aus aus aus

Ach, nee, doch nicht

So ist das Leben als Taubenvergrämer

Reichtum durch Taubenvergrämen – das klingt so
einfach: Der Kunde ruft, da ihn irgendwo eine oder mehrere
Tauben stören, ich fahre hin, setze mein Arsenal an Taubenvergrämungswaffen
ein, kassiere mächtig ab und fahre wieder
nach Hause.

Ach, liebe Leser, wäre es doch wirklich so
einfach.

Räumen wir zunächst mit einem der meist verbreiteten Vorurteile
auf: Tauben gibt es wie Sand am Meer, ein Taubenvergrämer
wird niemals arbeitslos sein. Von wegen!
Das mag für Taubenvergrämer gelten, die in der Stadt vergrämen.
Was aber ist mit den Millionen von Taubenvergrämern, die ihrem
Gewerbe in kleinen Dörfern nachgehen? So wie ich? Sie
kämpfen jeden Tag um ihre Existenz. Nehmen wir ein willkürliches Beispiel: mich.
Versuchen Sie mal in meinem Taubenvergräm-Distrikt Klein-Mettner, einer 13 Seelen-Gemeinde
in der Lüneburger Heide eine Taube aufzutreiben. Und selbst wenn
ihnen dieses Kunststück gelingt, dann ist dieser Vogel weit davon
entfernt, eine Plage zu sein. Denn ein Taubenvergrämer braucht
nicht nur Tauben, die er vergrämen kann, er braucht auch
Kunden, die ihn damit beauftragen. Sie können ja schlecht die
Tauben zur Kasse bitten.

Ein Taubenvergrämer läuft Tag für Tag Gefahr, morgens beim
Bäcker statt sechs Brötchen sechs Hungertücher zu bestellen. Als
Taubenvergrämer in einem kleinen Dorf hat man einen riesigen
Wettbewerbsnachteil. Jetzt kann der uninformierte Leser zwei
Schlüsse ziehen:
1. „Mensch, Herr Fitz, warum vergrämen Sie nicht woanders?
Am besten irgendwo, wo es Tauben gibt?“
2. „Mensch, Herr Fitz, warum machen Sie beruflich nicht etwas
anderes?“

Zu 1.) Das verbietet der Anstand. Ich musste meinem Vater auf
dem Totenbett versprechen, mein Leben lang Taubenvergrämer
zu bleiben. Schließlich hatte ich diesen entwürdigenden Beruf
von ihm übernommen. Dieses Versprechen hätte mich natürlich
nicht davon abgehalten, nach dem Tod meines Vaters sofort die
Segel zu streichen. Nur: Daddymann liegt seit mittlerweile über
30 Jahren auf dem Totenbett. Es gefällt ihm da sehr gut. Er hat
es sich sehr kuschelig eingerichtet, sich sogar seine Schalke-04-
Bettwäsche aufziehen lassen und ein paar Stofftiere um sich geschart.
Er findet es auf dem Totenbett so angenehm, dass er sich
gesagt hat: „Mensch, das ist aber gemütlich. Der Tod kann gar
nicht angenehmer sein. Da bekämpfe ich doch gleich mal meine
tödliche Krankheit. Jeder Mensch sollte nach der Geburt gleich
aufs Totenbett, dann würde sich niemand mehr über die Mühsal
des Lebens beklagen. Was man hier für einen Komfort genießt. Ich
würde ja zwei Wochen auf einem Totenbett immer zwei Wochen
in einem Wellness-Hotel vorziehen. Hör mir auf, Scheiße, Du.“
Mein Vater ist noch nicht tot – und ich bin immer noch an mein
Versprechen gebunden. So lange mein Vater lebt, kann ich dem
Beruf des Taubenvergrämer nicht den Rücken kehren. Er würde
es nicht überleben. Natürlich hoffe ich, dass mein Vater noch mal
etwas anderes sagt, bevor er endgültig abtritt. Denn wenn „Hör
mir auf, Scheiße, Du“ seine letzten Worte sind, ist mir das peinlich.
Andererseits beendet er jeden Satz mit „Scheiße, Du“, ich
werde also nichts dagegen tun können. Höchstens, ihn mitten
in einem Satz erwürgen, bevor er ihn beenden kann, nur wären
dann seine letzten Worte so unschön offen.
Und noch etwas macht es mir absolut unmöglich, dem Taubenvergrämertum
den Rücken zu kehren: die stolze Historie meiner
Familie. Meine Vorfahren waren schon Taubenvergrämer, da gab
es noch gar keine Tauben. Eine beeindruckende Ahnengalerie
zeugt davon. Sie hängt standesgemäß auf meiner Toilette. Sie alle,
wie sie da hängen (also auf Bildern), waren Taubenvergrämer in
Klein-Mettner. Der Staffelstab wurde von einer Generation zur
nächsten gereicht. Keiner wollte ihn haben. Aber alles ist eine
Frage der Gewalt. Meine Vorfahren waren so klug, das Erbe schon
an den Nachwuchs weiter zu geben, als der noch zu jung war, um
sich wehren zu können. Ich zum Beispiel bekam von meinem
Vater den Familienbetrieb überschrieben, als ich drei Wochen alt
war. Mit den Worten: „Hier, mach Du jetzt den Scheiß.“
Ach, diese Ahnengalerie müssten Sie sehen. Wunderbar. Jedes
Foto ein stolzer Taubenvergrämer. Oder besser fast jedes. Ganz
links: Mein Opa, der erste Taubenvergrämer in Klein-Mettner.
Und der einzige, der je eine Taube vergrämt hat. Einst musste er
eine aus seinem Garten vertreiben, als sie sich dort zufällig niederließ.
Mit einem entschlossen „Kusch! Kusch“ jagte er sie davon.
Dies sah zufällig sein Nachbar und sagte: „Mensch, Jupp. Du bist
ja ein richtiger Taubenvergrämer!“ Und schon hatte mein Großvater,
der damals noch der Dorfdepp war, einen Beruf. Seinen
Sprachfehler verlor er aber nie. Denn eigentlich wollte mein Opa
die Taube anbalzen, von der er merkwürdig erotisch angezogen
war. Er nahm allen Mut zusammen, um ihr ein amouröses „Kuss!
Kuss“ entgegen zu schleudern. Durch seinen Sprachfehler aber
klang es wie „Kusch! Kusch!“. Die Taube flatterte auf und davon,
verfolgt von den sehnsüchtig-geilen Blicken meines Opas.
Die Einlassung des Nachbars aber gab dem Leben meines Opas
einen neuen Sinn. Am nächsten Tag prangte ein handgeschriebenes
Schild an seiner Hütte: Taubennnnnvärgrehmer. Jahrelang
behauptete mein Großvater, die Schreibweise sei Altdeutsch. Ich
glaube aber mittlerweile, sie ist Falschdeutsch.
Direkt neben dem Bild meines Großvaters in der Ahnengalerie
hängt eines von Pamela Anderson. Die ist zwar weder Taubenvergrämerin
noch Mitglied meiner Familie, hat aber attraktive
Brüste. Und macht sich auf einem Foto immer ganz gut. Im
Gegensatz zu meinen Ahnen – die meisten hatten Hühnerbrüste.
Pamela Anderson ist wirklich eine nette visuelle Abwechslung in
der Reihe meiner unattraktiven Vorfahren.
Neben Pam hängt das Bild meines Vaters. Man sieht ihn darauf,
wie er gerade weg ist, was den Blick auf unseren Obstbaum
freigibt. Es war der erste Obstbaum in Klein-Mettner, an dem
gemischte Früchte wuchsen. Ein Hybrid-Obstbaum. Ein Crossover-
Obstbaum. Ihn ernten, hieß einen fertigen Obstsalat zu
bekommen. Der Baum trug Äpfel, Birnen, Kürbisse, Bananen,
Äpfel und sogar Kirschen. Aber die Äpfel müssen wir abziehen,
die waren doppelt.
Neben dem Foto meine Vaters hängt ein Foto von mir. Genau
genommen ist es ein Spiegel. Aber da ich sowieso der einzige bin,
der die Ahnengalerie ansieht, dachte ich mir: Ein Spiegel tut’s
auch. Falls ich mir mal den jüngsten der Ahnen ansehe, also mich,
kann ich ja auch in den Spiegel gucken und gleich noch meine Frisur
überprüfen. Zugegeben: Hätte ich Besuch, wäre der vielleicht
beim Blick in den Spiegel irritiert. „Was“, so würde er sich fragen
„mache ich denn in der Ahnengalerie des Taubenvergrämers?“
Bis jetzt habe ich aber noch nie Besuch gehabt. Taubenvergrämer
zu sein, macht sehr, sehr einsam.

Zu 2.) Die Taubenvergrämerinnung ist sehr streng, was die
Gebiets-aufteilung betrifft. Wenn ich der Taubenvergrämer von
Klein-Mettner bin, darf ich auch nur hier in Klein-Mettner vergrämen.
Ansonsten droht mir eine schwere Strafe. Jede Strafe wäre
natürlich angenehmer als meine derzeitige Existenz, aber das ist
jetzt nur eine depressive Randnotiz. Die Taubenvergrämerinnung
hat jedenfalls in Absatz 3, Punkt 5, verfügt: „Macht doch was ihr
wollt. Vergrämt, wo immer ihr wollt. Jeder Taubenvergrämer darf
vergrämen, wo er will. Alles scheißegal. Außer Jan-Uwe Fitz. Der
darf nur in Klein-Mettner vergrämen. Falls er gegen dieses Gesetz
verstößt, hauen wir ihm auf die Nase oder verfluchen ihn.“
Das ist natürlich eine klare Ansage.

Written by januwefitz

September 28th, 2014 at 2:33 pm

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Live-Termine

Der Oktober wird legendär.

15.10. 20 Uhr. Lesung. Gast bei Icke lad mir Gäste ein in BERLIN
16.10. 20.30 Uhr. Lesung. Gast bei „Read on my dear“ in der Z-Bar BERLIN
17.10. Live-Aufnahme von „Tote Tauben nerven nicht“ bei Audible. Das Hörbuch zu „Entschuldigen Sie meine Störung“ findet Ihr hier.
17.10. bis 18.10. 24 h Berlin in der Brotfabrik
26.10. 20 Uhr. @vergraemer trifft @stporombka. Ein Twitterabend.

Written by januwefitz

September 26th, 2014 at 5:08 pm

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Da sowieso keine Sau…

meine Taubengeschichten liest, jubele ich die einfach von Zeit zu Zeit anderen Blogs unter:

Neonwilderness

Written by januwefitz

September 7th, 2014 at 2:24 pm

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Meine Mission: Kill their darlings.

Sie lächelte selig und sagte, sie liebe dieses Lied und könne es ständig hören. Ich erwiderte, zu dem Song hätte ich mir mal die Zehnägel geschnitten. Heute hört sie das Lied kaum noch.

Written by januwefitz

September 7th, 2014 at 1:20 pm

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Gestern an der Theke

„Bereuen Sie, dass wir uns kennengelernt haben?“
„Von Anfang an.“
„Ich auch.“
„Ist das eine Retourkutsche?“
„Nein.“
„Schwören Sie.“
„Ich schwöre.“
„Na, gut.“
„Noch ein Bier?“
„Gern.“

Written by januwefitz

September 1st, 2014 at 9:51 am

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Dreck

Aus welchem Dreck die Menschen heutzutage ihr Selbstvertrauen beziehen – unglaublich.

Written by januwefitz

August 21st, 2014 at 9:34 am

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Psychopath

Eigentlich bin ich kein Psychopath, aber anders hat man ja keine Chance.

Written by januwefitz

August 21st, 2014 at 9:02 am

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Die Kurz-Hörspiele

21 Kommentare

Kunden gibt`s, tststs

schultertaube21

Das Gnu in der Metzgerei

gnu1

Die Frau im Mond

frau_im_mond2

Doktorspielchen

arzt1

Das Alpenglühn

alpengluehn1

Die Zauberbrötchen

broetchen1

Der begrabene Hase

hasebegraben1

Written by januwefitz

August 20th, 2014 at 10:21 am

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2. Tag in Würzburg

Noch immer irre ich durch die Straßen der Stadt und habe keinen Dunst, was ich hier eigentlich will. Die Einwohner sind mir auch keine Hilfe. Sie beantworten meine Fragen mit Schubsern und Pfefferspray. Liegt es an der fränkischen Mentalität? Oder würde man mich in Ostfriesland, dem Vogtland und in der Lausitz genauso schlecht behandeln? Hoffentlich finde ich es nie heraus.

Written by januwefitz

August 19th, 2014 at 9:25 am

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Würzburg erreicht

Keine schöne Reise. 1. Klasse im ICE gebucht, aber dennoch auf dem Boden gesessen. Alle Plätze besetzt. 1/3 von Kleinkindern, die sowieso die meiste Zeit auf dem Schoß der Eltern schliefen. Aber wenn eine 94jährige fragte, ob der Platz noch frei sei, schallte es: „Nee! Gehört meinem Kleinen!“

Auf der Reise drei neue Termine vergegenwärtigt:

Am 16.9 Ilmenau tanze ich in der Stadtbibliothek „Wenn ich was kann, dann nichts dafür“. Hier gibt es Tickets.
Am 26.9. lese ich bei Audible die ersten Teile von „Tote Tauben nerven nicht“ ein.
Am 26.10. veranstalte ich in Berlin einen Twitterabend mit Stephan Porombka, Carmen Hentschel und Lea Streisand. Und zwar in der Brotfabrik. Dort werde ich den Vortrag „Wie man sich an Twitterer heranwanzt und sie anschließend sexuell oder finanziell ausbeutet“ halten.

Nun bin ich in Würzburg. Und habe immer noch keinen Dunst, warum. Aber wird mir schon noch einfallen.

Written by januwefitz

August 18th, 2014 at 8:26 am

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